Das verlorene Ritual der Totenfotografie

Trotz der heutigen Allgegenwart von Kameras halten wir in unserem Social-Media-Rausch selten inne, um eines der bedeutendsten Ereignisse unseres Lebens zu dokumentieren: den Tod. Im 19. Jahrhundert, als die Kameratechnik öffentlich zugänglich wurde, war es nicht ungewöhnlich, geliebte Menschen auf dem Sterbebett oder sogar nach dem Ableben zu fotografieren. Diese Fotografien waren ein wesentlicher Bestandteil eines gesunden Trauerprozesses und boten eine greifbare Möglichkeit, die Erinnerung an einen Verstorbenen lebendig und in Zeiten der Not nah bei sich zu halten. Mit der Fotografie entstand eine Methode, das Bild eines Familienmitglieds zu bewahren, bevor es in der Erde verschwand.

Der Tod war damals nicht so weit vom Leben entfernt und losgelöst wie heute, sondern etwas, das jederzeit plötzlich eintreten und im eigenen Heim verweilen konnte. Sobald wir die Fremdartigkeit überwinden, die eine solch unverblümte Darstellung des Todes auf uns ausübt, können wir eine echte emotionale Resonanz spüren – in der Art und Weise, wie diese Bilder aus Liebe zu der Person angefertigt wurden. Angesichts von Epidemien und einer hohen Kindersterblichkeitsrate war dies oft die einzige Chance, ein Bild des Familienmitglieds zu erhalten, das dann in Salons und Fotoalben Seite an Seite mit den Lebenden präsentiert wurde. Ein konkretes Zeugnis des damaligen soziologischen Wandels war die sofortige Namensgebung von Säuglingen; noch im 18. Jahrhundert war auf Grabsteinen oft nur „Kind“ zu lesen. Niemand, der vor dem ersten Lebensjahr starb, erhielt einen Namen. Die Fotografien waren ein normaler Teil des Sterbens im 19. Jahrhundert, einer Zeit, in der Trauer nicht einfach etwas war, das man „durchstehen“ und schnell hinter sich bringen sollte. Es gab sogar Picknicks an den Grabsteinen der Familie.

Auch wenn wir heute von Bildern des Todes stärker erschreckt werden als vor hundert Jahren, sollte an dem, was einst eine zutiefst persönliche Form der Erinnerung war, nichts Anstößiges sein. Heute, in Varanasi (Indien), wo täglich hunderte Kremierungen am Ganges stattfinden, sind die Toten ständige Begleiter; sie treffen unter Tanz und Musik ein, gehüllt in orangefarbene und rosa Blumen. Ganze Industriezweige unterstützen die letzten Riten, darunter Fotografen, die für einen kleinen Preis ein Porträt der Verstorbenen aufnehmen, bevor der Scheiterhaufen entzündet wird und die Asche dem Fluss übergeben wird.
Der Tod wird hier nicht geringgeschätzt, er ist nicht unheimlich: Er wird gefeiert.


